Halbzeit in Manchester - Erster Bericht.

Montag, 30.11.2009, 13h27 (britischer Zeit)

Halbzeit in Manchester. Aber hier geht es nicht um Fußball, sondern um meinen Aufenthalt in der großen Unistadt im Norden Englands. Drei Wochen sind bereits vorbei, drei liegen noch vor mir.

Am Freitag den 6. November saß ich im Warteraum des Paderborner Flughafen, mit hauptsächlich zwei Gedanken im Kopf: Hoffentlich ist das Flugzeug nicht so klein, wie der Flughafen hier es befürchten lässt. Warum fliege ich eigentlich nach England, gen Regen und Kälte und nicht zurück nach Barcelona?

Doch das Projekt hat Priorität vor meinem Temperaturempfinden, darum erhob ich mich in kalter deutscher Nacht gen ähnlich temperierter englischer Nacht. Beim Anflug auf Manchester fiel mir vor allem die Größe des Lichtermeeres unter mir auf; Manchester samt anliegender Vororte wirkt aus der Luft enorm. Feuerwerke wohin mein Blick reichte begrüßten mich und meine Mitreisenden. In meiner Erinnerung regte sich vage und verstaubt etwas, das sich „Guy Fawkes Night“ oder „Bonfire Night“ nannte. Das musste es sein. Die Briten feuerwerkten das gesamte Wochenende, offiziell aber nur in der Nacht vom 5. zum 6. November, in Freude darüber dass ein gewisser Guy Fawkes es 1605 nicht geschafft hatte, das britische Parlament in die Luft zu jagen. Wann genau das war und warum er das tun wollte, konnten mir die armen Briten, die ich mit dieser Frage in meinen ersten Tagen hier belästigte, leider nicht beantworten. Da musste wieder die öffentliche Enzyklopädie des Internets herhalten. (für Interessierte, hier der Link!)

Zu meiner Wohnlage: Withington/West Didsbury. Sehr familiärer, Einfamilienhaus dominierter Stadtteil. Sehr gute Busanbindung, weil an der Palatine Road gelegen, die wiederum in die Wilsmlow Road übergeht -- und die entlang gen Norden muss man sich bewegen um früher oder später im City Centre zu landen. Nicht zu empfehlen, wenn man länger hier ist, zum Beispiel zum Studium, einfach weil die Universität zu weit weg ist, im Vergleich zu anderen Optionen wie Fallowfield, das nicht umsonst näher am Campus liegt. Anders gesagt, man muss als Student in Manchester keine 30 Minuten Busfahrt bis zur Uni in Kauf nehmen, man kann auch lediglich 6 Minuten zu Fuß haben.

Meine aktuelle „WG“ ist ein Privathaus, in dem eine Künstlerin und Lehrerin an der Uni, die dort mit ihrem 17-jährigen Sohn und 2 Katzen lebt, zwei der Räume an Studenten vermietet. Eines an mich, das andere an einen 23-jährigen Ingenieur, fertig studiert und nun seit kurzem auf Arbeitssuche. Letzterer ist sehr nett, aber wegen seines abendlichen Jobs in einem Pub und entsprechendem Langschläfern sehen wir uns eher selten. Mit dem Sohn rede ich fast nie, wir lächeln und nett an und wünschen uns einen guten Tag wenn wir uns sehen, oder ich bitte ihn, den Servierlöffel nicht in das Gratin, das ich in den Ofen gestellt hatte, zu versenken, da es sich um mein Dinner handelt. Die Katzen sind sehr gechillt, schon recht alt und laufen weg, sobald man sich nähert. Absolutes Kontrastprogramm also zu unserer Mela in Barcelona. Die Künstlerin, sprich meine Vermieterin ist potenziell sehr nett, aber wenig gesprächig, aufgrund persönlicher Probleme und Sorgen. Auch sehr kontrastierend zu meiner tollen WG-Erfahrung in Barcelona. Das Tüpfelchen auf dem „i“ ist jedoch das Haus selbst. Ich bin ja nun seit Frankreich, Türkei und Spanien an einiges gewöhnt und nicht wirklich ver-wöhnt. Aber ein Minimum an Sauberkeit ist für mich Grundbedingung für Wohlbefinden und es leuchtet mir nicht ein, wie diese Engländer ihre Küche, ihr Bad und ihren Teppich nicht unangenehm finden können. Man bemerke, ich bemühe mich um politisch korrekte Termini und diplomatische Formulierungen, um nicht schlichtweg sagen zu müssen, dass dieses Haus einfach dreckig ist. Mein Zimmer jedoch ist schön, frisch renoviert und grün mit blauer Decke. Anderes Unverständnis: wieso schaffen wir es in Deutschland unsere Häuser zu isolieren, und die hier nicht, obwohl es bei denen viel feuchter und kühler ist?

Ebenso: Was ist so schwer daran, die Straßen mit Kanalisationen auszustatten, um das Wasser abzuleiten? Ich hatte noch nie eine so markergreifende Angst vor Pfützen. Riesige Seen sind das am Straßenrand, die zu teuflischen Fallen werden, wenn rücksichtslose Idioten von Auto- oder Busfahrern mit 50 km/h hindurchfahren und dadurch mannshohe Wasserfontänen auf den Bürgersteig ergießen. Noch bin ich nicht in den Missgenuss einer solchen Dusche gekommen, aber die Angst läuft mit und drängt mich an den äußerten Rand des Gehweges oder lässt mich an diesen Pfützen vorbei hetzen, ehe das nächste Vehikel naht.
Drittes Unverständnis: Wieso laufen die in Shorts oder T-Shirt oder Minirock ohne Strumpfhose herum, und mir ist so kalt? So viel nackte Haut erwartet man eher in Spanien am Strand, aber die Engländer zeigen es uns allen. Sie strotzen dem Regen und der Novemberkälte mit entblößten Armen, Beinen, Dekolletees und Bäuchen. Man erkläre mir, warum junge Frauen auf dem Weg zur Party ihren Mantel nicht anziehen; so teuer ist die Garderobe hier nicht und Gründe Hochprozentiges zu trinken sollte man doch andere finden. Meinem Bekanntenkreis, anbei würdevoll und angemessen gekleidet, erschließt sich dieses Mysterium ebenso wenig. So kann man denn zu später Stunde im Stadtzentrum oder generell nahe von Bars und Diskotheken, junge Studentinnen mit wenig Stoff auf der Haut, dafür aber umso mehr im Blut, bibbernd und strauchelnd fallend durch Manchesters Straßen taumeln sehen.

Das Busfahren ist eine wahre Freude. Buchlesen ist mir versagt, dafür ruckt und hopst der Bus zu sehr und mir wird zu schlecht. So fahre ich denn die je nach Tageszeit variierende Zeit Richtung Uni oder Stadt höchstens mit Musik im Ohr. Ein Wochenticket für Studenten kostet £ 7,50. Damit lässt es sich grob gesagt aber nur die Wilmslow Road hoch und runter fahren. Nach einer Woche wurde mir aber klar, dass das gar nicht so dumm ist, da auf dieser Strecke Richtung Stadtzentrum alles liegt: Withington, Fallowfield, Rusholme (sprich die Curry Mile), sowie die Universitäten (Manchester University und Manchester Metropolitan University).

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