Samstag, 8. August 2009

Ankunft in Cádiz

08.08.2009, gegen 14h, Tag 1 in Cádiz

Gestern kam der Abflug viel zu schnell: wir saßen kurz nach Mittag in der Küche mit Kaffee und tarte au citron, da sagte Papa plötzlich, er würde sich nun zur Abfahrt bereit machen. Nun wurde es ernst - noch einmal darüber nachdenken, ob im Rucksack auch wirklich alles für drei Monate Spanien verstaut war...? Ja. Also los. Erinnerungsfotos von der schwer bepackten Tina. Eine knappe Stunde später parken wir drei am Hannoveraner Flughafen. Beim Einchecken lässt mich die gute Stewardess erst meinen Rucksack ablegen - doch 20kg?? - um mir dann zu eröffnen, dass ich ihn noch einmal ein Stück tragen muss, denn er zählt als Sperrgepäck. Dabei ist er doch topp gepackt.

Der Flug mit tuifly dauert zweieinhalb Stunden. Zu meiner Überraschung gibt es ein recht schmackhaftes warmes Abendessen, spannende Lektüre in Form von klassischen Frauen- und Klatsch-Magazinen, und den Flugzeugklassikerfilm „The Yes-Man“. Dass es sich dabei um einen Klassiker handelt mutmaße ich einfach weil ich ihn schon auf dem Weg nach Istanbul im April gesehen habe. Der Spannungsfaktor auf dem gestrigen Film hielt sich dementsprechend in Grenzen. Im Flugzeug 98% Deutsche. Fast taten mir die Südspanier leid, die da wieder mal von einer Schar Sonnen- und Sangria-hungriger deutscher Touris heimgesucht wurden. Aber ein Stück weit gehörte ich ja dazu, darum unterdrückte ich diesen Gedanken.
Beim Aussteigen in Jerez de la Frontera wird mir erst bewusst, dass nicht nur die Sitze in der Boeing 737 mit Haribo Goldbären verziert sind, sondern das gesamte Flugzeug. Nachdem ich die fünfte Person gesehen hatte, die ihren Fotoapparat zückte, fotografierte auch ich. Das hier ist schließlich keine x-beliebige Touristenreise. Das ist ein Abenteuer-Projekt, und solche Skurilitäten gehören verewigt.

Der erste Eindruck von Jerez? Süden! Die ganze Natur, der Himmel, die ersten Häuser, die ich sehe, alles trägt den eindeutigen Stempel des mediterranen Flairs. Es ist 20h10, und es ist noch so warm und hell wie es in Deutschland spätestens 17h abends sein kann.
Abgeholt werde ich von Israel, einem Mitarbeiter meiner Sprachschule. In einem orangen VW-Bully. Wir fahren tanken, und ich lerne mein erstes neues Wort (gasolina) und erfahre, dass man in Spanien generell erst zahlt und dann entsprechend viel tanken darf. Die 40 Minuten Fahrt nach Cádiz unterhalten wir uns über die Stadt, Spanischunterricht an SciencesPo und nach einem Anruf seiner Frau auch über seinen zweijährigen Sohn, der schon ganze Sätze spricht und wie ein Profi Mario Kart spielt. Bei diesem Anruf merke ich auch, dass ich Israel nur so super verstehe, weil er langsam spricht. Als ich ihn darauf anspreche, meint er lachend, es sei ja immerhin erst mein erster Tag, meine erste Stunde in Spanien. Vale.

Was mir in Cádiz auffällt, sind die Architektur, die mich irgendwie an Ferienorte an der Nordsee erinnert, und die vielen kleinen weißen Häuschen, auf denen „once“ steht. Von Rael erfahre ich, dass man dort Lottoscheine kaufen kann; once ist die Lottogesellschaft. Aufgrund der Dichte dieser Häuschen auf der Hautpstraße schlussfolgere ich, dass die Spanier gern und viel Lotto spielen; so sehr, dass sie alle 100 Meter so eine Lottoverkaufsstelle brauchen...

Als wir in die engen Gassen des alten Cádiz, des casco historico, durch die der Bully wundersam und entgegen meinem Augenmaß ohne Probleme hindurchpasst, einbiegen will mich Rael beruhigen „Keine Sorge, das ist normal so“. Ich meinerseits kann ihn beruhigen, dass mich enge Gassen und temperamentvolle Autofahrer allein nicht mehr schocken können. Wer mal in Frankreich gelebt hat, durch Paris gefahren wurde, und mit dem Bus Istanbul durchquert hat, der ist nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen.

Wir finden einen Parkplatz, da Israel in der Nähe meiner Gastfamilie wohnt und darum die „strategischen Punkte“ kennt, die es bei der Suche nach Parkmöglichkeiten anzusteuern gilt. Zu Fuß kommen wir schon an der Sprachschule vorbei, und erreichen in weniger als 5 Minuten die Wohung meiner Familie. Ich habe erst im Auto erfahren, dass ich bei einer Frau (Pepa) und ihrer Tochter (Alba) wohnen werde. Als Pepa uns die Tür öffnet sehe ich außerdem die drei Hunde des Haushalts. Zwei Chiwawas, davon ein Gast - Pepas Schwester ist im Urlaub - , ein weißer Foxterrier. Coco, Pancho und Turca haben aber in der Wohnung noch weitere tierische Nachbarn, denn zu meiner großen Begeisterung entdecke ich zwei Schildkröten!

Alba-ich-Pepa

Die Wohnung ist auf den ersten Blick recht dunkel, denn da sie innen liegt, hat sie wenige Fenster. Den Vorteil erkannte ich aber schnell: es ist temperaturtechnisch deutlich angenehmer, ganz ohne Klimaanlage, und nachts schläft es sich ruhiger, da man selbst die wenigen Autos nicht hört.
Pepa beherbergt schon seit zehn Jahren fast ganzjährig Mädchen und Frauen, die zum Spanischlernen nach Cádiz kommen - und dennoch spüre ich, anders als vor einigen Jahren bei meiner englischen Gastfamilie, ehrliche Herzlichkeit und Interesse.
Nach Abendessen und erstem Fernsehschauen gehe ich gegen Mitternacht schlafen. Heute morgen kurz nach 9 begann mein Tag mit Cornflakes und Tee, fast wie zu Hause. Ich begleite Pepa und Turca beim Gassigehen und sehe das Meer und wunderschöne kleine Parkanlagen, mit riesigen alten Feigenbäumen, Mosaikbänken und Brunnen. Dazu eine Ruhe, Wärme und Gelassenheit, wie man sie in Südspanien erwartet. Wir bringen den Hund heim und nehmen diesmal Alba und den Chiwawa von Pepas Schwester mit. Es geht Richtung Markt und Carrefour - die französischen Supermärkte muss ich also nicht missen. Auf dem Weg gehen wir an Pepas Geschäft vorbei - sie verkauft Lampens, Kleider, Schmuck und einiges mehr, alles etwas indisch oder Öko gehalten.
Ich kaufe Obst und stelle fest, dass bei fast allem als Ursprungsland „España“ steht - und ein Glück, denn die Früchte schmecken einfach toll. Pfirsiche wie aus dem Bilderbuch.

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