Sonntag, 4. Oktober 2009

Katalonien - von einem Bestandteil und zeitgleich Nachbarland Spaniens

Catalunya-als-bandera

Sonntag, 04.10.2009, wieder kurz nach Mitternacht.


„Heute“, also der eigentlich gestrige 3. Oktober war der Nationalfeiertag der Bundesrepublik Deutschland. Wäre dieses Land Frankreich, dann hätten die Generalkonsulate alle Exilfranzosen zu einer großen Feier eingeladen. Nicht so Deutschland - in Barcelona glänzten Generalkonsulat und Goethe Institut mit ausgesprochener Alltagsstimmung. Keine Veranstaltung, nicht einmal eine Notiz auf der Internetseite. Wir haben da scheinbar noch etwas zu lernen.

Die Katalanen jedoch haben ein anders gespaltenes Verhältnis zu ihrer Nationalität. Theoretisch, nach Verfassung des Königreiches Spanien, gibt es eine solche katalanische Mentalität gar nicht. De facto aber fühlen sich hier sehr viele, um nicht zu sagen die meisten, nicht als Spanier.


Beispiel: Ein Gespräch, das direkt in meiner ersten Woche mit Laia und ihrem Freund Marc stattfand. Wir sahen die Nachrichten (in katalanisch), in denen von einer Verfassungsklage seitens der PP (Partido Popular, konservativ, gegen Regionalismus) gegen den neuesten Autonomiestatus der Regionen die Rede war. Alle 17 autonomen Regionen verfügen über den gleichen Autonomiestatus, bemängelt wurde von der PP aber nur derjenige, der Katalonien betrifft. Dies nutzte ich, um zu fragen, was denn dran sei am katalanischen Unabhängigkeitsbestreben. Zwei Antworten kamen zurück: Marc wäre für eine sofortige Unabhängigkeit, würde dafür aber nicht gewaltsam vorgehen. Laia ist es egal zu welchem Staat sie offiziell gehört, solange die Probleme endlich gelöst werden. Probleme jedweder Art, verschuldet durch Madrider Bürokratie und der Tatsache, dass eine Mehrheit der gesamtspanischen Investitionen direkt und exklusiv an Madrid gehen. Daher war man hier in den letzten Tagen auch deutlich gegen eine Nominierung Madrids als Austragungsort der Olympischen Spiele 2016. „Denn dann fließt ja noch mehr Geld nur nach Madrid.“

Wenn man so mit dem Einen oder Anderen über Politik spricht, bekommt man auch schnell ein Gespür dafür wann von „Catalunya“ und seiner Regierung, der Generalitat, gesprochen wird, und wann, mit leicht missbilligendem Unterton, von „denen da in Madrid“.
Auch dank meiner Forschungsstudie bekomme ich ein interessantes Panorama über die Artenvielfalt der Identitäten. Auf dem Fragebogen müssen die Schüler an einer Stelle beurteilen, wie sehr sie sich Teil verschiedener Gemeinschaften fühlen: ihre Schule, ihre Stadt, ihre Region, ihr Land, die EU, Europa, die Welt. Interessanterweise antworteten ungefähr die Hälfte ganz radikal dass sie sich „vollkommen“ als Teil Kataloniens und Barcelonas sehen, jedoch „überhaupt nicht“ als Teil Spaniens. Ich glaube es war Marc, der mir in besagtem Gespräch erklärte, für ihn sei Paris genauso fremd wie Madrid.

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Spannend in dieser Hinsicht war der Nationalfeiertag am 11. September. An diesem Tag, dem L’Onze de Setembre oder auch dem Diada de Cataluny,a gedenkt man in Katalonien des Jahres 1714, als Barcelona zum Ende des spanischen Erbfolgekrieges dem Borbonen Felip V. Erlag und seinen Autonomiestatus bis zum Ende der Franco-Diktatur verlor. In einigen Geschichtsklassen, die ich bereits besucht habe, war dieses Thema gerade besprochen worden, mit besonderer Betonung auf die katastrophalen Auswirkungen. Als „castigo“, d.h. „Bestrafung“, wurden Katalonien unter dem zentralistischen Felipe V. Höchste Steuerlasten auferlegt, die noch bis heute nachwirken. So zahle man in Katalonien noch immer eine weitaus höhere Erbsteuer usw. Meine Mitbewohnerin Laia relativierte diese Opferdarstellung, doch dieser Unterricht erklärt, warum besonders junge Katalanen sich leicht radikalisieren und für eine kompromisslose Unabhängigkeit kämpfen.

Am 11. September also hängten viele Katalanen die Flagge aus dem Fenster, sodass noch heute in fast jeder Straße zumindest an einem Balkon die gelb-rot gestreifte Fahne zu sehen ist. Ich nahm an jenem Tag den Bus zum Arc de Triomf, um zum Parc de la Ciutadella zu laufen. Dort war ein riesiges Volksfest zu Gange, insbesondere mit Bücher- und T-Shirt-Verkauf. Die Bücher argumentierten auf vielfältige Weise warum Katalonien nicht Spanien sei und warum es unabhängig gehöre. Die T-Shirts erlaubten dem Träger Fahne zu bekennen: „Jo soc Català“ oder „I‘m Catalan, so I don‘t speak Spanish“ sind zwei Beispiele. Ähnliche T-Shirts wurden auffällig oft an vorbeigehenden Passanten gesichtet.
Jo-soc-catala
Zu guter Letzt hingen auf diesem länglichen Platz, der den Arc de Triomf vom Parc de la Ciutadella trennt, zahlreiche Plakate mit Aufschriften wie: «11 de Setembre 2009. Fiesta per la Libertat. Som una naciò. Nosaltres decidim.»


Am nächsten Morgen, 12h04.


Vor meiner Ankunft in Barcelona holte mich regelmäßig die Angst ein, ich würde hier vielleicht niemanden verstehen, mit niemandem reden können - denn was man im Ausland hört über Katalonien, was einem selbst der Film Auberge Espagnole vermittelt, ist, dass einige Katalanen sehr widerwillig Castellano sprechen. Tatsächlich aber beruhigten mich schon zahlreiche Andalusier, dass alle Katalanen wie selbstverständlich mit Ausländern, auch mit Spaniern, Castellano reden. Und so ist es auch. Man kann hier also sehr gut überleben ohne ein Wort Katalanisch zu sprechen; lesen sollte man es jedoch können. Denn alle Beschriftungen, von der Käsepackung im Supermart über die Werbung in den Straßen bis hin zu den Anzeigen „der nächste Zug kommt in xy Minuten“ in der Metrostation sind auf katalanisch. Wer französisch kann oder kennte, sollte mit dem Lesen und im Zweifelsfall Erraten geschriebenen Katalanisch keine Probleme haben.

Der Unterricht in den Schulen wird, bis auf das Fach „Lengua y literatura castellana“ nur auf Katalanisch abgehalten. Und wenn man in so einer Stunde sitzt, versteht man erstaunlich viel. Verloren bin und bleibe ich jedoch meistens, sobald mir ein einzelner Satz gesagt wird. Ich brauche viel Kontext zum Raten...

Laut Erzählungen einiger Katalanen hätten jedoch die meisten Spanier echte Probleme Katalanisch auch nur ansatzweise zu verstehen. „Die Spanier haben kein sehr musikalisches Gehör. Sobald irgendwas nicht perfekt nach Castellano klingt, schaltet jegliches Verständnis ab.“, wurde mir berichtet.

Doch wenn auch die Katalanen de facto zweisprachig aufwachsen, so hapert es erheblich beim Erlernen anderer Fremdsprachen. Bis vor einigen Jahren wurde hauptsächlich Französisch gelehrt, sodass die aktuelle Generation der 30 bis 50-Jährigen relativ gut damit zurecht zu kommen scheint. Globalisierung sei Dank steht nun aber vermehrt Englisch auf dem Programm, und exklusiv Englisch, denn selbst Abiturienten müssen hier obligatorisch nur eine Fremdsprache lernen. Wer mehr tut macht das aus reinem Spaß an der Freude. Der Fragebogen, den ich den Schülern hier präsentiere ist in einem, wie ich dachte, recht simplen, möglichst unverfänglichen Englisch geschrieben. Falsch gedacht, denn schon bei der ersten Frage „Gender?“ verzweifelten so manche daran zu wissen, ob sie nun „female“ oder „male“ seien. Nächste Frage „Which European countries have you already travelled to?“; für einige schlicht unverständlich. Trotz Vorwarnung durch meine Mitbewohnerin und sogar schon zuvor von meinen Sprachlehrern in Cádiz, Andalusien, stand ich bestürzt vor der ersten Klasse, die meinen Fragebogen zu Gesicht bekam. So hatte ich es mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt...
Besser vorbereitet schreibe ich inzwischen eine ganze Tafel voll mit Vokabeln und bei besonders wichtigen Fragen mit kompletten Übersetzungen. Auf Castellano schreiben dürfen sie sowieso. Manche probieren sich am Englisch, teilweise gut, teilweise aber so, dass meinerseits viel Fantasie und Interpretation gefragt ist - trotz mehrheitlich sehr gut lesbarer Schrift.
Ich weiß nicht, ob meine Erschütterung darüber berechtigt ist. Wie hätte meine Klasse in der Oberstufe abgeschnitten, hätten sie den gleichen Bogen auszufüllen gehabt? Momentan ziehe ich ernsthaft in Erwägung als reine Kontrollgruppe mal ein, zwei Klassen meines ehemaligen Gymnasiums diesen Fragebogen beantworten zu lassen. Ergebnisse folgen.

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