Freitag 28.08.2009 19h30 im Trenhotel nach Barcelona Sants
Eigentlich hatte ich mir schon am Donnerstag, den 20. August, erste Notizen gemacht um wieder einen Eintrag zu verfassen. Aber wo es dir gut geht, vergeht die Zeit wie im Flug. Und wie Pepa vorhin sagte, als wir gegen 18h auf einer Bank der Plaza San Antonio, gegenüber ihres Geschäftes saßen, bevor ich mein Taxi zum Bahnhof bestieg:
„En Cádiz, la vida es muy tranquila.“
Nun bin ich also seit 19h00 auf dem Weg in die hektische Großstadt Barcelona und muss die zwölf Stunden im Zug nutzen, um nicht nur zum Schlafen, sondern auch zum Schreiben zu kommen, um die Etappe Cádiz quasi schriftlich abzuschließen. Mir scheint, ich könnte einen Roman über die drei Wochen schreiben, aber letztlich werde ich mich wohl mit einer Auswahl besonderer Anekdoten, einer Dosis Tipps für künftige Spanien-Reisende und einer Prise Wehmut und Nostalgie begnügen müssen.
Zunächst zu meinen Notizen der letzten Wochen: Es handelt sich um eine tägliche Erfahrung in Cádiz, insbesondere auf meinem Weg „zu Hause - Melkart“ und „Melkart - zu Hause“. Kurz gefasst lässt sich nämlich für das Autofahren in Cádiz eine einfache Regel aufstellen: Vorfahrt hat, wer früher hupt. Wie ich schon bezüglich meiner Ankunft bemerkte, sind die Straßen im casco historico recht eng, ausreichend für höchstens ein Auto. Und dann sind sie so zahlreich aufeinanderfolgend, dass es unmöglich erscheint, beständig das „Rechts vor Links zu beachten“, zumal man die Kreuzungen nciht wirklich einsehen kann. Darum hat sich hier das System durchgesetzt, zu hupen, wenn man sich einer Kreuzung näher, soll heißen, immer. Alle 5 Meter muss gehupt werden, und wer zuerst gehupt hat, fährt zuerst.
Zum
Mobiltelefonieren in Spanien: Ein sehr guter Anbieter ist „
Happy Movil“. Er benutzt das Netz von Orange (jaja, die Franzosen sind überall...) und beschreibt sich als „your low cost mobile“. In Spanien ist das Mobiltelefonieren recht teuer. Laut Gesetz, so wurde es mir gesagt, muss man bei jedem angenommenen Anruf erst einmal 15-18 Cent bezahlen, quasi als Gebühr für die Verbindungsherstellung (establicimiento de llamada). Dann kostet die Minute locker 20 Cent, was mir recht kostspielig erschien. Happy Mobil kostet hier etwas weniger, doch der größte Vorteil ist, dass es sich recht günstig im Ausland anrufen lässt. Für einen Anruf ins europäische Mobilnetz, egal welches, bezahlt man den sprichwörtlichen Apfel samt Ei. Für ein 8-minütiges Gespräch zahlte ich neulich nur 2,50 Euro. Ein Preis, den man sonst schon bezahlt, bevor die erste Minute beginnt.
20h30. Draußen sind, laut Anzeige im Zug, 33ºC. Das ist ein Sommer hier unten. Als Anfang dieser Woche der „poniente“ wehte, und es abends nur noch von mir geschätzte 22ºC kalt (!) war, kam es mir schon wirklich zu frisch vor. Man gewöhnt sich an alles. Der „poniente“ ist anbei einer der zwei Winde, die das Wetter in Cádiz bestimmen, und über die ständig gesprochen wird. Smalltalk geht hier nicht über das Wetter, sondern detailliert über „el calor“ und wann das nächste Mal der ersehnte, weil erfrischende „poniente“ kommt. Oder wie lange man noch den „levante“ ertragen muss, der am Strand nicht nur den Sand unangenehm aufwirbelt, sodass man nach einstündigem Liegen eine fingerdicke Schicht auf dem Bauch liegen hat, sondern auch die heiße Luft mit sich bringt.
Sevilla. Wie den letzten Fotos zu entnehmen ist, habe ich mir ein wenig die Umgebung von Cádiz angesehen, wobei es unumgänglich war zumindest Sevilla zu besuchen. Mit dem Bus von Cádiz fährt man ungefähr anderthalb Stunden, und die Busse fahren regelmäßig, alle zwei Stunden ab 9h; von Sevilla aus fährt der letzte Bus 22h zurück und ist gegen Mitternacht in Cádiz am Bahnhof. Kosten für Hin- und Rückfahrt insgesamt 19,40 Euro.
In Sevilla muss man die Reales Alcazares besichtigen, was ich denn auch pflichtbewusst tat. Eintritt kostet 7,50 Euro, es sei denn, man vergisst nicht seinen Studentenausweis und bezahlt nichts. Netterweise erkannte der Mann an der Kasse auch meinen Versicherungsschein von der französischen Studentenversicherung, der mutuelle MGEL, an, da dort das Wort „étudiant“ steht. Dazu muss man sagen, dass meine Überraschung angesichts des Fehlens meines Studentenausweises ja echt war; schließlich hatte ich vor der Kasse beim Lesen der Preise stolz gedacht „Gut, dass du deinen Ausweis immer dabei hast.“ Kein weiter Kommentar. Ein Audioguide empfiehlt sich aufgrund der Größe dieser ehemaligen Festung und dann Palastes; kostet seinerseits 3,50 Euro und ist sehr gut gemacht. Ich habe ihn auf Spanisch genommen, und das stellte sich als weise Entscheidung heraus, denn mir schien es, als sein Sevilla von Franzosen und Amerikanern besetzt. Man muss wirklich in einem Café oder einem Geschäft die dort arbeitenden Angestellten ansprechen um etwas Spanisch zu hören; die meisten anderen Spaziergänger usw. sind Touristen. Dies ist eine von zwei Tatsachen, die mich wirklich an Sevilla gestört haben. Die zweite ist die Hitze. Sevilla hat keinen Strand, demnach auch nicht besonders viel Windbewegung wie Cádiz. Als ich in meinem klimatisierten Bus in die Stadt einfuhr war es ungefähr 13h, und eine Anzeige nahe der Plaza España behauptete, es wäre 39ºC warm draußen. Sie hat nicht gelogen. Ein wahrer Schock, als ich aus dem Bus ausstieg. Und es nützt nichts, im Sommer auf den „poniente“ zu warten um nach Sevilla zu fahren. Jeder Gaditano (Einwohner von Cádiz) wird dir sagen, dass es in Sevilla im Sommer eh immer viel zu heiß ist.
Jedoch, der Fairness zu Liebe muss ich sagen, ein Besuch lohnt sich: die Altstadt von Sevilla ist wirklich schön, die Reales Alcazares und die dazugehörigen Gärten sind bezaubernd und die Kathedrale samt der Giralda (ein Relikt aus arabischen Zeiten, wie die Alcazare) sind wirklich sehenswert. Viel Wasser, einen Fächer und leichte Kleidung vorsehen.
3 Lektionen, die ich in der ersten halben Stunde Zugfahrt lernte.
1 - Wenn man Folgen von How I Met Your Mother auf dem Laptop hat, darf man sie nicht löschen, solange man keinen Ersatz hat. Auch wenn man süchtig danach ist, das bloße Vorhandensein auf dem Laptop sich mehr als negativ auf das Arbeitsverhalten auswirkt und man alle Folgen schon gesehen hat. Warum? Weil es sein könnte, dass man irgendwann 12 Stunden mit dem Zug irgendwohin fährt, und aber aus Gewichtsgründen kein spannendes, dabei jedoch leicht verdauliches Buch dabei hat. Ein Film, oder lustige Folgen besagter Serie, an denen man sich eh nicht satt sehen kann, versprechen, dass keine Langeweile aufkommen wird im Falle eventueller Schlaflosigkeit.
2 - Wenn man einen neuen Laptop hat, und es in 5 Wochen daheim, in Präsenz des alten Laptops und der externen Festplatte, nicht geschafft hat seine gesamte Musik und vor allem die Hörspiele auf den neuen Laptop zu übertragen, darf man sich zu Recht ärgern und dumm (mit ph!) schimpfen. Denn so löblich, weil innovativ und offen, es auch scheint sich zu sagen „Nein, ich verschwende keinen Festplattenplatz auf meine fünf Lieblingshörspiele, die ich schon mehrfach gehört habe, sondern nehme nur neue mit.“ - es ist ein fataler Fehler. Warum? Es kann sich herausstellen, dass der Grisham, der ja eigentlich gut ist, sich als doch nicht sooo spannend herausstellt, weil der Sprecher zum Beispiel nicht sonderlich ansprechend liest. Und dann sitzt man plötzlich im Zug, wiederholt das gleiche raisonnement wie supra angeführt und spürt mit großem Schmerz, dass man nicht Ingrid Nolls „Ladylike“ anhören kann. Oder die Baldaccis. Oder „Jennys Geschichte“. Oder Paulo Coehlos „Zahir“.
3 - Schlafmasken, so lächerlich sie auch erscheinen mögen, wirken plötzlich attraktiv, wenn der Vordermann eine hat und im Nu einschläft. (Und nein, ich habe nicht wirklich Angst, diese Nacht nicht schlafen zu können...^^)
Etwas Positives zu dieser Zugfahrt muss ich nun aber sagen: der Zug ist enorm komfortabel. Es ist ein „Trenhotel“, der mich direkt von Cádiz nach Barcelona Sants bringt, mit nur anfänglichen Zwischenstopps in San Fernando, Jerez de la Frontera usw. Es gibt in jedem Wagen eine Reihe Zweier- und eine Reihe Einersitze. Wer ein Ticket mit einer Sitzplatznummer und dem Buchstaben A ergattert, wie ich, hat einen Einersitz, so dass man niemandes Ellbogen zu fürchten hat. Man kann den Sitz zwar nicht in eine perfekte Liegeposition bringen, aber relativ gut in die Schräg-Diagonale bringen und das, wichtig!, ohne seinen Hintermann seines Beinraumes zu berauben. Außerdem stellt die RENFE ihren Kunden ein kleines Reisenecessaire zusammen: eine kleine Flasche Wasser (33 cl), ein Paar Kopfhörer für die 5 Radio-/Themenkanäle, die am Sitz auszuwählen sind, ein Stückchen Seife, eine Portion Zahnpasta, eine kleine zusammenschraubbare Zahnbürste und ein Paar Ohrenstöpsel in peppigem Orange. Und wie gesagt, es sitzt sich enorm komfortable, da die Sitze auch breiter als gewöhnlich sind; eine Schneidersitz-Position lässt sich beispielsweise problemlos und bequem einnehmen. Einen kleinen Tisch für die leckeren Sandwiches von Pepa oder für den Mac gibt es auch, genauso wie Pfandschlösser auf der Handgepäckablage, mit dem ich nachher vielleicht meinen kleinen Rucksack samt Laptop für die Nacht absichern werde.
Das Ganze, samt diesen Service für den Normalpreis von 98 Euro, oder mit dem Estrella-Tarif für knapp 59 Euro. Bisher bin ich mit meiner ersten Nachtfahrt sehr zufrieden....
In Cádiz geht der Sommer mit dieser Woche zu Ende. Die speziellen Sommerspektakel gehen zu Ende, wie z.B. die „Puesta del Sol“ jeden Mittwoch im Castillo de Santa Catalina an der Playa Caleta. Dort spielten im Juli und August zum Sonnenuntergang, d.h. gegen 21h00 verschiedene Bands, das letzte Mal war es eine junge Flamencogruppe, genannt „
La suela de mi zapato“ (Die Sohle meiner Schuhe). Die Musik hat mir wirklich gut gefallen, Flamenco/Salsa mit modernen Texten - einen Einblick gibt es auf ihrer
myspace-Seite.

Die ersten zwei Stunden sind rum, jetzt gönne ich mir etwas Musik bzw. Hörspiel und dann ist es auch schon eine adäquate Zeit, um in Spanien zu Abend zu essen.
Nachtrag. 22h52. Gerade hörte ich eine meiner Mitreisenden ins Handy „Adios“ sagen und dabei fiel mir ein, was ich Wichtiges vergessen habe. Das „wie die Andalusier Spanisch sprechen“! Sie sagen über sich selbst, dass die meisten anderen Spanier Probleme haben sie zu verstehen, weil sie die „Worte essen“ (um mal wörtlich zu übersetzen). Aber die anderen Spanier sprechen natürlich für den gemeinen Andalusier auch sehr komisch. So näselnd, oder hochnäsig. Denn hier ist die Grundregel der Phonetik: die „S“ werden nicht ausgesprochen. Beziehungsweise, sie werden so laut gedacht, dass man sie beim Sprechen nicht verlautbaren muss, und sie dennoch vom Hörer dazugedacht werden. So wird der Montag vom „lunes“ zum „luné“, mit einer Aussprache des „e“, die...naja...das „e“ klingt so „offen“, dass man einfach weiß, da denkt sich der Sprecher beim inneren Schreiben grade noch ein „s“ hinten dran. So heißt denn „Adios“ hier auch „Aa-di-ooooo“.
Abschließend kann ich über meine Zeit in Cádiz sagen, mit einer Phrase, dich ich erst gestern gelernt habe, und die sehr typisch ist für die Flamencoregion Andalusien: Ich war glücklicher als Kastagnetten. Oder: Estuve más feliz que unas castañuetas.
tartetatina - 29. Aug, 22:07