Donnerstag, 19. August 2010

Von länderspezifisch-typischen Todesursachen

Sonntag, 14 März 2010

In meinem Halbzeit-Bericht aus Manchester schrieb ich, dass mich dort aufgrund von fehlender Kanalisation und straßenbauerischer Kompetenz eine markergreifende Angst vor Pfützen und denen aus ihnen potenziell generierten Duschen auf offener Straße ständig im Bann hielt. Sterben könnte man davon natürlich nur, würde die darauf folgende Verkühlung zu einer Lungenentzündung führen. Oder der Schock über das tatsächliche Eintreten des Ereignisses zu einem Herzstillstand. Dennoch war die Angst da, und beherrschte mich, im Vergleich zu den anderen bereisten Ländern, exklusiv dort. Größere Unglücks- oder Todeswahrscheinlichkeit ist im europaweit einzigartigem Linksverkehr der Briten zu suchen. Wie oft siegte bei Überqueren einer Straße bei mir Kontinentaleuropäerin die Gewohnheit, vor allem nach links hin die Straße herabzublicken, sodass ich, beruhigt ob der freien Sicht, einen Fuß auf die Fahrbahn setzte und dann dabei erst nach rechts blickte, den Fuß in diesem Moment aber sogleich von panischer Angst beseelt zurückholte und mit zitterndem Herzen und angeweichten Knien einen großen Doppeldeckerbus an mir vorbeirauschen sah. Ähnliche Saltos schlug mein Herz nicht selten, wenn wir im Bus links in einen Kreisverkehr hineinfuhren oder schlichtweg jedes Mal, wenn mich der panikgepeitschte Gedanke “Wir fahren doch auf der Gegenspur!!!” durchzuckte.

In skandinavischen Ländern kommt die Gefahr im Winter von oben. In den Straßen von Stockholm und Oslo warnen in regelmäßigen Abständen Schilder vor von den Dächern rutschenden Eislasten und dolchgleich herabstürzenden Eiszapfen. Diese können erstaunliche und zugleich Besorgnis erregende Ausmaße erreichen. Ihretwegen sah ich im Stockholmer Straßenbild häufig Grundschulklassengruppen, deren kleine, süß in bunte Schneeanzüge verpackten Mitglieder fast immer ebenfalls bunte Helme trugen. Damit der Eiszapfen dem jungen Leben nicht ein jähes Ende bereitet. Makaber gesprochen wäre dies jedoch gewiss eine etwas stilvollere Art dem Leben unglücklich zu entweichen als ein schnöder Autounfall.
Bei meiner Stippvisite in Oslo erfuhr ich von Radu, dass diese Schneeanzüge auf Norwegisch "Bommeldress" heißen. What more can I say? :)

England continued - ein retrospektiver Bericht, vor fünf Monaten begonnen.

Sonntag 14. März 2010.

Es ist Sonntag, der 14. März und ich sitze im Zug nach Mainz. In Köln bin ich umgestiegen und dieser mein aktueller Zug hatte natürlich rund 10 Minuten Verspätung. Ob es die beständige Inkompetenz der Bahn ist, oder die Strafe für mein kontinuierliches Lästern, dass die DB doch per se immer zumindest einige Minuten Verspätung hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Herzerfreuend ist anbei auch die Kompetenz im Bereich der englischen Sprache; es ist mir schleierhaft, warum man nicht alle Zugbegleiter zumindest in einem Crash-Kurs auf den Pfad der richtigen Aussprache bringen kann.
Doch genug über die Bahn geklagt. Ich bin mittelbar bereits auf der Reise nach Krakau, der vierten und somit vorletzten Station auf meiner Forschungsreise. Das letzte Mal habe ich hier also nach der Halbzeit meiner dritten Station berichtet, aus Manchester. Zur Entschuldigung mag nur gesagt sein, dass mein Leben und meine Reise seitdem zu schnelllebig geworden ist, als dass ich sie hätte schriftlich festhalten können.

Nun seien also vorerst einige Bemerkungen, Anekdoten und Gedanken zu Manchester und dem Vereinigten Königreich allgemein nachgetragen, bevor ich es hoffentlich schnellstmöglich schaffe, einen ausführlichen Bericht über das herrliche Stockholm zu verfassen.

Meine Ankunft in Manchester verhieß eigentlich wenig Gutes - trotz ungefähr einer Dekade Englischunterrichtes war es mir nämlich nicht möglich, den Busfahrer zu verstehen, der mich vom Flughafen zu meiner Wohnung bringen sollte. Ich kannte bereits den Namen der Haltestelle, hatte eine präzise Wegbeschreibung von der Haltestelle zum Haus, doch musste im Bus dann feststellen, dass dort die nächste Haltestelle weder angezeigt noch angesagt wird. Der geübte Mancunian weiß also, wann er auszusteigen hat. Dumm ist nur, wenn man sich nicht auskennt, es draußen stockduster ist (der Winter grüßt den, der nach 18h00 ankommt, leider nicht mit Sonnenschein) und außerdem der erste englische Regen niederprasselt - somit also ein Lesen von Straßenschildern unmöglich wird. So bat ich den Busfahrer, mir Bescheid zu geben, kurz bevor wir meine Haltestelle erreichten, auf dass ich genug Zeit zum Festzurren meines Rucksackes und Aufstehen hätte. Der Gute meinte es mir offensichtlich Reisenden allerdings zu gut und mutmaßte, ich wüsste nicht einmal genau, wohin ich wolle. Darum fragte er mich, in welche Straße ich zu gehen gedachte. Dies jedoch verstand ich erst nach der fünften oder sechsten Wiederholung; zuvor glaubte ich, nicht in England gelandet zu sein... Innerlich grummelte ich “Das kann ja heiter werden mit den Leuten hier”, da ich befürchtete, die Klischees vom allgemein und ausnahmslos verbreiteten nordenglischen Dialekt seien wahr. Meine Vermieterin bewies mir jedoch das Gegenteil, als sie mich an der Haustür begrüßte. Nur mein Mitbewohner Andrew, der auch aus der nordenglischen Ecke stammte, bereitete mir bisweilen Verständnisprobleme, weil er die Worte eben doch sehr nord-britisch, wenn auch klangvoll, kaute.

Gut finde ich überall im Vereinigten Königreich die Kulturpolitik, derer sich auch Frankreich langsam anzunähern versucht: der Eintritt zu Museen und nationalen Kunstgalerien ist frei. Es wird lediglich um eine Spende gebeten, mit einer vorgeschlagenen Höhe von meist £3. Wenn man gerade knapp bei Kasse ist oder eben ein Student auf Reisen stört sich aber niemand daran, wenn man diesen Obulus nicht zahlt, oder einfach weniger gibt.

Die Buskultur in England ist erstaunlich, und gleicht, für mich überraschend, der in Spanien. Busse sind ein sehr übliches Reisemittel für Fahrten zwischen Städten, also auch zwischen Manchester und London / Bristol / Edinburgh. Die Preise insbesondere bei nationalexpress und megabus sind ansprechend günstig (wie immer mit verschiedensten Rabattmöglichkeiten: Onlinebuchung, Rabattkarte, Studentenkarte, rechtzeitiges Buchen..) und der Service sehr gut. Die einzige Ausnahme bildete meine Fahrt von Edinburgh nach Manchester (über Nacht, Ankunft in MCR 4h52 a.m.); hier ist die Schuld jedoch eher bei den Verdauungsstörungen meiner Mitreisenden als bei der Busgesellschaft zu suchen.

Dienstag, 1. Dezember 2009

Halbzeit in Manchester - Erster Bericht.

Montag, 30.11.2009, 13h27 (britischer Zeit)

Halbzeit in Manchester. Aber hier geht es nicht um Fußball, sondern um meinen Aufenthalt in der großen Unistadt im Norden Englands. Drei Wochen sind bereits vorbei, drei liegen noch vor mir.

Am Freitag den 6. November saß ich im Warteraum des Paderborner Flughafen, mit hauptsächlich zwei Gedanken im Kopf: Hoffentlich ist das Flugzeug nicht so klein, wie der Flughafen hier es befürchten lässt. Warum fliege ich eigentlich nach England, gen Regen und Kälte und nicht zurück nach Barcelona?

Doch das Projekt hat Priorität vor meinem Temperaturempfinden, darum erhob ich mich in kalter deutscher Nacht gen ähnlich temperierter englischer Nacht. Beim Anflug auf Manchester fiel mir vor allem die Größe des Lichtermeeres unter mir auf; Manchester samt anliegender Vororte wirkt aus der Luft enorm. Feuerwerke wohin mein Blick reichte begrüßten mich und meine Mitreisenden. In meiner Erinnerung regte sich vage und verstaubt etwas, das sich „Guy Fawkes Night“ oder „Bonfire Night“ nannte. Das musste es sein. Die Briten feuerwerkten das gesamte Wochenende, offiziell aber nur in der Nacht vom 5. zum 6. November, in Freude darüber dass ein gewisser Guy Fawkes es 1605 nicht geschafft hatte, das britische Parlament in die Luft zu jagen. Wann genau das war und warum er das tun wollte, konnten mir die armen Briten, die ich mit dieser Frage in meinen ersten Tagen hier belästigte, leider nicht beantworten. Da musste wieder die öffentliche Enzyklopädie des Internets herhalten. (für Interessierte, hier der Link!)

Zu meiner Wohnlage: Withington/West Didsbury. Sehr familiärer, Einfamilienhaus dominierter Stadtteil. Sehr gute Busanbindung, weil an der Palatine Road gelegen, die wiederum in die Wilsmlow Road übergeht -- und die entlang gen Norden muss man sich bewegen um früher oder später im City Centre zu landen. Nicht zu empfehlen, wenn man länger hier ist, zum Beispiel zum Studium, einfach weil die Universität zu weit weg ist, im Vergleich zu anderen Optionen wie Fallowfield, das nicht umsonst näher am Campus liegt. Anders gesagt, man muss als Student in Manchester keine 30 Minuten Busfahrt bis zur Uni in Kauf nehmen, man kann auch lediglich 6 Minuten zu Fuß haben.

Meine aktuelle „WG“ ist ein Privathaus, in dem eine Künstlerin und Lehrerin an der Uni, die dort mit ihrem 17-jährigen Sohn und 2 Katzen lebt, zwei der Räume an Studenten vermietet. Eines an mich, das andere an einen 23-jährigen Ingenieur, fertig studiert und nun seit kurzem auf Arbeitssuche. Letzterer ist sehr nett, aber wegen seines abendlichen Jobs in einem Pub und entsprechendem Langschläfern sehen wir uns eher selten. Mit dem Sohn rede ich fast nie, wir lächeln und nett an und wünschen uns einen guten Tag wenn wir uns sehen, oder ich bitte ihn, den Servierlöffel nicht in das Gratin, das ich in den Ofen gestellt hatte, zu versenken, da es sich um mein Dinner handelt. Die Katzen sind sehr gechillt, schon recht alt und laufen weg, sobald man sich nähert. Absolutes Kontrastprogramm also zu unserer Mela in Barcelona. Die Künstlerin, sprich meine Vermieterin ist potenziell sehr nett, aber wenig gesprächig, aufgrund persönlicher Probleme und Sorgen. Auch sehr kontrastierend zu meiner tollen WG-Erfahrung in Barcelona. Das Tüpfelchen auf dem „i“ ist jedoch das Haus selbst. Ich bin ja nun seit Frankreich, Türkei und Spanien an einiges gewöhnt und nicht wirklich ver-wöhnt. Aber ein Minimum an Sauberkeit ist für mich Grundbedingung für Wohlbefinden und es leuchtet mir nicht ein, wie diese Engländer ihre Küche, ihr Bad und ihren Teppich nicht unangenehm finden können. Man bemerke, ich bemühe mich um politisch korrekte Termini und diplomatische Formulierungen, um nicht schlichtweg sagen zu müssen, dass dieses Haus einfach dreckig ist. Mein Zimmer jedoch ist schön, frisch renoviert und grün mit blauer Decke. Anderes Unverständnis: wieso schaffen wir es in Deutschland unsere Häuser zu isolieren, und die hier nicht, obwohl es bei denen viel feuchter und kühler ist?

Ebenso: Was ist so schwer daran, die Straßen mit Kanalisationen auszustatten, um das Wasser abzuleiten? Ich hatte noch nie eine so markergreifende Angst vor Pfützen. Riesige Seen sind das am Straßenrand, die zu teuflischen Fallen werden, wenn rücksichtslose Idioten von Auto- oder Busfahrern mit 50 km/h hindurchfahren und dadurch mannshohe Wasserfontänen auf den Bürgersteig ergießen. Noch bin ich nicht in den Missgenuss einer solchen Dusche gekommen, aber die Angst läuft mit und drängt mich an den äußerten Rand des Gehweges oder lässt mich an diesen Pfützen vorbei hetzen, ehe das nächste Vehikel naht.
Drittes Unverständnis: Wieso laufen die in Shorts oder T-Shirt oder Minirock ohne Strumpfhose herum, und mir ist so kalt? So viel nackte Haut erwartet man eher in Spanien am Strand, aber die Engländer zeigen es uns allen. Sie strotzen dem Regen und der Novemberkälte mit entblößten Armen, Beinen, Dekolletees und Bäuchen. Man erkläre mir, warum junge Frauen auf dem Weg zur Party ihren Mantel nicht anziehen; so teuer ist die Garderobe hier nicht und Gründe Hochprozentiges zu trinken sollte man doch andere finden. Meinem Bekanntenkreis, anbei würdevoll und angemessen gekleidet, erschließt sich dieses Mysterium ebenso wenig. So kann man denn zu später Stunde im Stadtzentrum oder generell nahe von Bars und Diskotheken, junge Studentinnen mit wenig Stoff auf der Haut, dafür aber umso mehr im Blut, bibbernd und strauchelnd fallend durch Manchesters Straßen taumeln sehen.

Das Busfahren ist eine wahre Freude. Buchlesen ist mir versagt, dafür ruckt und hopst der Bus zu sehr und mir wird zu schlecht. So fahre ich denn die je nach Tageszeit variierende Zeit Richtung Uni oder Stadt höchstens mit Musik im Ohr. Ein Wochenticket für Studenten kostet £ 7,50. Damit lässt es sich grob gesagt aber nur die Wilmslow Road hoch und runter fahren. Nach einer Woche wurde mir aber klar, dass das gar nicht so dumm ist, da auf dieser Strecke Richtung Stadtzentrum alles liegt: Withington, Fallowfield, Rusholme (sprich die Curry Mile), sowie die Universitäten (Manchester University und Manchester Metropolitan University).

Freitag, 20. November 2009

Weihnachtsmarkt in Manchester -- Fotos vom 19.11.2009

xmas-market
...und hier schon wieder Fotos, just heute aufgenommen!

Der Weihnachtsmarkt ist sehr groß, an mehr als 5 Orten - und voller "deutscher" Stände, mit überteuertem Christstollen, überteuerten Bratwürsten und überteuertem Glühwein. Aber was tut man nicht alles aus Heimweh? Heimatnostalgie? £3 (= ca. 3,50 Euro) bezahlen für eine Bratwurst, zum Beispiel.

Aber schön haben sie's gemacht in Manchester. Ein Lob auf die Organisatoren für Deko und Ambiente...

PS: Sehe grade, der Blog ist auf kontinentale Zeit eingestellt; "just heute" meinte natürlich den 19.11.2009, der noch immer andauert, hier auf der Insel...

Donnerstag, 19. November 2009

Erste Fotos Manchester

Hier die ersten FOTOS aus Manchester. 100 und 6 Eindrücke aus der oft verkannten, denn tatsächlich sehr schönen, angenehmen, und studentischen Stadt...

visit-manchester

Samstag, 14. November 2009

Hommage an Barcelona von der Insel

Samstag, 14.11.2009, 18h45 (britischer Zeit)

Seit einer Woche bin ich nun in Manchester angekommen und lebe mich gerade aktiv ein. Bevor ich dieses neue Kapitel beginnen kann, muss ich jedoch noch, sei es auch nur eine kleine, Hommage an Barcelona verfassen - als Abschluss sozusagen.

Es waren zwei geniale Monate dort - und ich kann das Viertel Eixample zum Wohnen sehr empfehlen. Vor allem die Calle Mallorca, zwischen Dos de Maig und Cartagena, meine ehemalige WG war ideal gelegen:

* die Straße herunter war die Metro-Station „Encants“ mit der Linie 2,

* drei Häuser Richtig Carrer Cartagena das Sport Zentrum der Claror Gruppe wo es sich sehr gut schwimmen lässt,

* Richtung Gaudis Sagrada Familia ist auf der Carrer Provença eine sehr moderne und große Bibliothek; einziger Schönheitsfehler für „nur-Hispanophone“ wie mich ist, dass es mehr Bücher auf Englisch und Französisch und sogar Deutsch gibt, als auf Spanisch. Ein Paradies jedoch für den, der alles Erdenkliche auf Katalan zu lesen wünscht. Auch sehr gut zum Arbeiten geeignet, mit viel Platz und kostenlosem wifi,

* die Supermärkte rundherum: Lidl, für Heimatgefühle und sehr günstige Lebensmittel, Mercadona ist nur etwas teurer und hat jedoch eine deutlich besser Auswahl und Qualität.
Mercadona


Obst und Gemüse kauft man in einem der ungefähr 20 entsprechend spezialisierten Eckläden, die sich im Umkreis von 500 Metern befinden (kein Witz, es sind echt enorm viele!), andere Alternative: der täglich geöffnete Markt in der überdachten Markthalle direkt unter besagter Bibliothek


Boqueria


..und wo ich schon vom Markt spreche: DIE Empfehlung, die in der Liste des vorherigen Eintrags fehlt ist der Mercat de la Boqueria. Ein Augenschmaus, und Geheimtipp, wenn man abends günstigen frischen und reinen Obstsaft haben will. Denn kurz vor Schließung des Marktes, müssen die Händler ihre Fruchtsäfte loswerden, so dass man für 1€ 2 0,2l Gläser Saft aller Variationen kaufen kann. Vorsicht aber: den Touristen wird gern teureres aufgeschwatzt. 2€ für einen Becher abends gegen 19 Uhr ist definitiv kein Schnäppchen sondern überteuerter Standardpreis...


Ebenfalls eine Reise wert sind Zaragoza und San Sebastian, je 300 und 600km von Barcelona entfernt.
Man kann sogar an anderthalb Tagen beides „schaffen“, mit Mietwagen und Rückkehr im Zug bekommt man die 1.200km locker hin...

Samstag, 24. Oktober 2009

Barcelona auf und jenseits der Touristenpfade

Freitag 23.10.2009, 23h04

Bcn-Skyline

Bevor ich in Barcelona erreichte, hatten mich bereits zahllose begeisterte Schwärmereien über diese Stadt erreicht. Noch nie habe ich ein so durchgehend enthusiastisches Urteil über eine Stadt erlebt - meine Erwartungen waren entsprechend hoch. Ich malte mir aus, bei meiner Ankunft vor Freude samt Rucksack rückwärts aus den Schuhen zu kippen - und nichts. Ernüchterung machte sich breit, Barcelona erschien mir eine Großstadt wie jede andere: groß, laut, stressig, aber immerhin sauber, was die Metro betraf.

Doch die Wandlung kam schleichend, irgendwann in der ersten oder zweiten Woche. Liebe auf den zweiten Blick sozusagen. Denn Barcelona ist nicht einfach irgendeine Großstadt. Barcelona es maravillosa. Laut vielleicht, stressig gar nicht. Irgendetwas ist hier, das die Menschen und dadurch das tägliche Leben entspannter und schlichtweg schön macht. Vielleicht ist sind es die sommerlichen Temperaturen gewesen, aber sogar bei Weltuntergangswetter kann man noch mit Regenschirm, Musik im Ohr und einem Lächeln auf den Lippen dem Lied „I‘m singing in the rain“ alle Ehre machen. Jeden Tag, an dem ich nicht nur auf den beinahe schon routinierten Wegen zu „meinen Schulen“ laufe, entdecke ich hier noch einen Balkon, dort einen Laden, hier eine Gasse, dort eine Wandmalerei, die mir sagen, dass zwei Monate nicht ansatzweise reichen, um dieser Stadt alle ihre geheimen und hinreißenden Orte und Momente zu entlocken... Erst heute, als nach einigen Regentagen der Sommer zurück war, es die Gelegenheit war, vor meiner kurz bevorstehenden Abreise noch einmal mit T-Shirt und Shorts aus dem Haus zu gehen, entdeckte ich noch eine versteckte bezaubernde Ruine inmitten der Kreuzung zweier kleiner Gassen, umgeben von kleinen Straßencafés. Ein Tresor, den man vielleicht nur findet, wenn man ziellos und zu zweit durch die Straßen schlendert, auf der Suche höchstens nach den letzten Sonnenstrahlen.

Metro-Bcn

Zum Zurechtfinden auf den Gleisen der städtischen Metro ist diese Seite der TMB sehr nützlich. Straßengenaue Suche, Wege von Ort zu Ort oder Ort zu Metrostation oder oder oder.
Ein Monatsticket für unendliches Fahren mit Bus, Metro oder den mancherorts vorhandenen Trams kostet 47,90€.

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An dieser Stelle ist es nun endlich Zeit die Liste einiger sehens- oder essenswerter Orte anzugeben. Alle selbst ausprobiert und nicht unbedingt im Reiseführer zu finden...

(1) Für Kurzzeittouristen zu empfehlen: die Barcelona-Card. Für variable Zeiteinheiten zu kaufen, enthält unbegrenztes Metrofahren, einige kostenlose Eintritte und viele Vergünstigungen.

(2) Als Erstes zu tun, quasi und wörtlich für den Überblick: die Kolumbus-Statue. Der „Mirador de Colom“ kostet 2,50 für Erwachsene und rein gar nichts für Inhaber der Barcelona Card. Ein Aufstieg, der einen bezaubernden Blick auf den Hafen und die Stadt erlaubt - und das am Ende der Touristenstraße, den Ramblas. Metro: Drassanes, L3 (grün)

Happy-Pills

(3) Happy Pills. Ein süßer quietsch-pinker und steril-weißer Süßigkeitenladen, der mal etwas anders ist. Süßigkeiten bekommt man hier in Barcelona zwar an jeder Ecke, in vollgepfropften Läden, aber bei Happy Pills hat man verstanden, dass Zucker die Medizin zum Glück sein kann. Verpackung ist nicht verschreibungspflichtig, aber zum Anbeißen - mit erheiternden und teils weisen Zitaten zur bunten Freude.
Zum Beispiel Carrer dels Arcs 6, nahe der Kathedrale. Metro: Jaume 1, L4 (gelb)

(4) Avinguda del Portal del Àngel. Grob gesagt zwischen Kathedrale und Plaça de Catalunya. Eine Straße, die nicht nur erstaunlicherweise alle Geschäfte der Inditex Gruppe beherbergt (Zara, Massimo Dutti, Bershka, Pull and Bear, ...) sondern auch einen recht stylish ausschauenden H&M. Altehrwürdiges Gebäude, aber Diskokugel-Gefühl, wenn man zur Tür hereinschaut. Metro: Plaça Catalunya, L1 (rot) oder L3 (grün) oder Jaume 1, L4 (gelb)

(5) Tapas 24. -- DER Hit. --- Ein Tapas-Restaurant, in dem es neben leckeren Tapas zu guten Preisen das BESTE Tomatenbrot. Meine Sprachlehrer in Cádiz sagten, das sei DIE Spezialität hier in Katalonien - und es ist tatsächlich, was man eben bestellt, um die Wartezeit bis zum „echten Essen“ zu überbrücken.
Tomatenbrot
Das „pa amb tomàquet“ oder „pa amb tomata“ oder auch „pa amb tomaca“ ist getoastetest Baguette mit Olivenöl und bestrichen mit Knoblauch und Tomate. Wenn Katalanen mal so etwas wie ein „deutsches kaltes Abendbrot“ machen, dann häufig mit Tomatenbrot, bisweilen belegt mit Käse oder Wurst. Das allerbeste wie gesagt, gibt es im Tapas 24. Der reine Genuss, allein beim Warten auf die Tapas... Carrer de la Diputació 269, Barcelona, Metro: Passeig de Gràcia, L2 (lila) oder L3 (grün) oder L4 (gelb).

(6) Tapa Tapa. Am Mare Magnum, dem Einkaufs- und Konsumtempel für Touristen und ähnliche Gesellen, direkt am Hafen. Im Blickfeld des Mirador de Colom. Teure Tapas, aber recht gute. Das beste jedoch war der Wein: für 26,40 ersteht man eine Flasche spritzig-frischen Weißweins, der Sorte „Martin Códax“ (Galizien). Das Geld wert, vor allem, wenn die lieben Eltern dies anlässlich ihres Urlaubs spendieren...

(7) Attic. Ein Restaurant mit toller Küche zu guten Preisen und mit Sternepotenzial - es fehlt nur noch der Feinschliff, bzw. die Sorgfalt. Gehört zu einer größeren Gruppe, aber das tut der kulinarischen Liebe keinen Abbruch. Foie gras können sie auch. La Rambla 120, Metro: Plaça Catalunya, L1 (rot) oder L3 (grün).

(8) Heiße Schokolade. Man vergesse die dünnen Brühen aus Fertigpulver die der deutsche Otto-Normal-Kakaotrinker gewohnt ist. Wer in Spanien seinen Löffel in eine Tasse Schokolade taucht, hat das Gefühl eine halbe geschmolzene Tafel zu durchrühren. Dazu ist der gediegene Spanier Churros,Choco-con-Churros hier in Barcelona tickt aber selbst die pâtisserie anders, darum sollte man hier stilecht eher Melindros. Ebenfalls sehr angenehm, in ganz Spanien zu erhalten aber ursprünglich aus Valencia: Horchata oder Orxata, eine süße (sehr süße) Mandelmilch, die sich sehr kalt trinkt.

(9) Gazpacho. Andalusisch, aber auch hier zu kaufen, praktisch im Tetrapack, recht günstig und ein erfrischend-mediterranes leichtes Essen.

Sonntag, 4. Oktober 2009

Katalonien - von einem Bestandteil und zeitgleich Nachbarland Spaniens

Catalunya-als-bandera

Sonntag, 04.10.2009, wieder kurz nach Mitternacht.


„Heute“, also der eigentlich gestrige 3. Oktober war der Nationalfeiertag der Bundesrepublik Deutschland. Wäre dieses Land Frankreich, dann hätten die Generalkonsulate alle Exilfranzosen zu einer großen Feier eingeladen. Nicht so Deutschland - in Barcelona glänzten Generalkonsulat und Goethe Institut mit ausgesprochener Alltagsstimmung. Keine Veranstaltung, nicht einmal eine Notiz auf der Internetseite. Wir haben da scheinbar noch etwas zu lernen.

Die Katalanen jedoch haben ein anders gespaltenes Verhältnis zu ihrer Nationalität. Theoretisch, nach Verfassung des Königreiches Spanien, gibt es eine solche katalanische Mentalität gar nicht. De facto aber fühlen sich hier sehr viele, um nicht zu sagen die meisten, nicht als Spanier.


Beispiel: Ein Gespräch, das direkt in meiner ersten Woche mit Laia und ihrem Freund Marc stattfand. Wir sahen die Nachrichten (in katalanisch), in denen von einer Verfassungsklage seitens der PP (Partido Popular, konservativ, gegen Regionalismus) gegen den neuesten Autonomiestatus der Regionen die Rede war. Alle 17 autonomen Regionen verfügen über den gleichen Autonomiestatus, bemängelt wurde von der PP aber nur derjenige, der Katalonien betrifft. Dies nutzte ich, um zu fragen, was denn dran sei am katalanischen Unabhängigkeitsbestreben. Zwei Antworten kamen zurück: Marc wäre für eine sofortige Unabhängigkeit, würde dafür aber nicht gewaltsam vorgehen. Laia ist es egal zu welchem Staat sie offiziell gehört, solange die Probleme endlich gelöst werden. Probleme jedweder Art, verschuldet durch Madrider Bürokratie und der Tatsache, dass eine Mehrheit der gesamtspanischen Investitionen direkt und exklusiv an Madrid gehen. Daher war man hier in den letzten Tagen auch deutlich gegen eine Nominierung Madrids als Austragungsort der Olympischen Spiele 2016. „Denn dann fließt ja noch mehr Geld nur nach Madrid.“

Wenn man so mit dem Einen oder Anderen über Politik spricht, bekommt man auch schnell ein Gespür dafür wann von „Catalunya“ und seiner Regierung, der Generalitat, gesprochen wird, und wann, mit leicht missbilligendem Unterton, von „denen da in Madrid“.
Auch dank meiner Forschungsstudie bekomme ich ein interessantes Panorama über die Artenvielfalt der Identitäten. Auf dem Fragebogen müssen die Schüler an einer Stelle beurteilen, wie sehr sie sich Teil verschiedener Gemeinschaften fühlen: ihre Schule, ihre Stadt, ihre Region, ihr Land, die EU, Europa, die Welt. Interessanterweise antworteten ungefähr die Hälfte ganz radikal dass sie sich „vollkommen“ als Teil Kataloniens und Barcelonas sehen, jedoch „überhaupt nicht“ als Teil Spaniens. Ich glaube es war Marc, der mir in besagtem Gespräch erklärte, für ihn sei Paris genauso fremd wie Madrid.

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Spannend in dieser Hinsicht war der Nationalfeiertag am 11. September. An diesem Tag, dem L’Onze de Setembre oder auch dem Diada de Cataluny,a gedenkt man in Katalonien des Jahres 1714, als Barcelona zum Ende des spanischen Erbfolgekrieges dem Borbonen Felip V. Erlag und seinen Autonomiestatus bis zum Ende der Franco-Diktatur verlor. In einigen Geschichtsklassen, die ich bereits besucht habe, war dieses Thema gerade besprochen worden, mit besonderer Betonung auf die katastrophalen Auswirkungen. Als „castigo“, d.h. „Bestrafung“, wurden Katalonien unter dem zentralistischen Felipe V. Höchste Steuerlasten auferlegt, die noch bis heute nachwirken. So zahle man in Katalonien noch immer eine weitaus höhere Erbsteuer usw. Meine Mitbewohnerin Laia relativierte diese Opferdarstellung, doch dieser Unterricht erklärt, warum besonders junge Katalanen sich leicht radikalisieren und für eine kompromisslose Unabhängigkeit kämpfen.

Am 11. September also hängten viele Katalanen die Flagge aus dem Fenster, sodass noch heute in fast jeder Straße zumindest an einem Balkon die gelb-rot gestreifte Fahne zu sehen ist. Ich nahm an jenem Tag den Bus zum Arc de Triomf, um zum Parc de la Ciutadella zu laufen. Dort war ein riesiges Volksfest zu Gange, insbesondere mit Bücher- und T-Shirt-Verkauf. Die Bücher argumentierten auf vielfältige Weise warum Katalonien nicht Spanien sei und warum es unabhängig gehöre. Die T-Shirts erlaubten dem Träger Fahne zu bekennen: „Jo soc Català“ oder „I‘m Catalan, so I don‘t speak Spanish“ sind zwei Beispiele. Ähnliche T-Shirts wurden auffällig oft an vorbeigehenden Passanten gesichtet.
Jo-soc-catala
Zu guter Letzt hingen auf diesem länglichen Platz, der den Arc de Triomf vom Parc de la Ciutadella trennt, zahlreiche Plakate mit Aufschriften wie: «11 de Setembre 2009. Fiesta per la Libertat. Som una naciò. Nosaltres decidim.»


Am nächsten Morgen, 12h04.


Vor meiner Ankunft in Barcelona holte mich regelmäßig die Angst ein, ich würde hier vielleicht niemanden verstehen, mit niemandem reden können - denn was man im Ausland hört über Katalonien, was einem selbst der Film Auberge Espagnole vermittelt, ist, dass einige Katalanen sehr widerwillig Castellano sprechen. Tatsächlich aber beruhigten mich schon zahlreiche Andalusier, dass alle Katalanen wie selbstverständlich mit Ausländern, auch mit Spaniern, Castellano reden. Und so ist es auch. Man kann hier also sehr gut überleben ohne ein Wort Katalanisch zu sprechen; lesen sollte man es jedoch können. Denn alle Beschriftungen, von der Käsepackung im Supermart über die Werbung in den Straßen bis hin zu den Anzeigen „der nächste Zug kommt in xy Minuten“ in der Metrostation sind auf katalanisch. Wer französisch kann oder kennte, sollte mit dem Lesen und im Zweifelsfall Erraten geschriebenen Katalanisch keine Probleme haben.

Der Unterricht in den Schulen wird, bis auf das Fach „Lengua y literatura castellana“ nur auf Katalanisch abgehalten. Und wenn man in so einer Stunde sitzt, versteht man erstaunlich viel. Verloren bin und bleibe ich jedoch meistens, sobald mir ein einzelner Satz gesagt wird. Ich brauche viel Kontext zum Raten...

Laut Erzählungen einiger Katalanen hätten jedoch die meisten Spanier echte Probleme Katalanisch auch nur ansatzweise zu verstehen. „Die Spanier haben kein sehr musikalisches Gehör. Sobald irgendwas nicht perfekt nach Castellano klingt, schaltet jegliches Verständnis ab.“, wurde mir berichtet.

Doch wenn auch die Katalanen de facto zweisprachig aufwachsen, so hapert es erheblich beim Erlernen anderer Fremdsprachen. Bis vor einigen Jahren wurde hauptsächlich Französisch gelehrt, sodass die aktuelle Generation der 30 bis 50-Jährigen relativ gut damit zurecht zu kommen scheint. Globalisierung sei Dank steht nun aber vermehrt Englisch auf dem Programm, und exklusiv Englisch, denn selbst Abiturienten müssen hier obligatorisch nur eine Fremdsprache lernen. Wer mehr tut macht das aus reinem Spaß an der Freude. Der Fragebogen, den ich den Schülern hier präsentiere ist in einem, wie ich dachte, recht simplen, möglichst unverfänglichen Englisch geschrieben. Falsch gedacht, denn schon bei der ersten Frage „Gender?“ verzweifelten so manche daran zu wissen, ob sie nun „female“ oder „male“ seien. Nächste Frage „Which European countries have you already travelled to?“; für einige schlicht unverständlich. Trotz Vorwarnung durch meine Mitbewohnerin und sogar schon zuvor von meinen Sprachlehrern in Cádiz, Andalusien, stand ich bestürzt vor der ersten Klasse, die meinen Fragebogen zu Gesicht bekam. So hatte ich es mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt...
Besser vorbereitet schreibe ich inzwischen eine ganze Tafel voll mit Vokabeln und bei besonders wichtigen Fragen mit kompletten Übersetzungen. Auf Castellano schreiben dürfen sie sowieso. Manche probieren sich am Englisch, teilweise gut, teilweise aber so, dass meinerseits viel Fantasie und Interpretation gefragt ist - trotz mehrheitlich sehr gut lesbarer Schrift.
Ich weiß nicht, ob meine Erschütterung darüber berechtigt ist. Wie hätte meine Klasse in der Oberstufe abgeschnitten, hätten sie den gleichen Bogen auszufüllen gehabt? Momentan ziehe ich ernsthaft in Erwägung als reine Kontrollgruppe mal ein, zwei Klassen meines ehemaligen Gymnasiums diesen Fragebogen beantworten zu lassen. Ergebnisse folgen.

Dienstag, 15. September 2009

Barcelona - Ankunft und Wohnungssuche in der Retrospektive

Dienstag 15.09.2009, sehr früh bzw. spät in der Montagnacht

Ankunft und Wohnungssuche in der Retrospektive


Seit etwas mehr als 2 Wochen bin ich nun in Barcelona und es wird Zeit, etwas Ordnung in meine mentalen Notizen zu bringen, bzw. endlich zu Papier zu bringen, was ich mir ständig vornehme unbedingt aufzuschreiben.

Zunächst meine Erfolgsgeschichte von der vermutlich schnellsten Wohnungssuche der Geschichte. Am Mittwoch vor meiner Abreise schrieb mir eine gewisse Laia als Antwort auf meine Annonce bei loquo.es - sie suchte nämlich eine Mitbewohnerin, die allein zeitlich schon genau auf mein Profil passte: jemand, der nur bis Ende Oktober mieten wollte. Ich meinerseits hatte stets in meinen Annoncen geschrieben, dass ich eine „internationale WG“ suchte, mit jedoch mindestens einer „persona hispanohablante“. Diese Internationalität konnte Laia mir bieten, weil sie Übersetzerin für Englisch und Deutsch ist und bereits z.B. ein Jahr in Hannover gelebt hat. Nach einigen mails war uns beiden klar, das könnte unsere zukünftige Mitbewohnerin sein. Einziges Problem: Laia wollte am Samstag schon früh nach Vilafranca zu ihrem Freund Marc fahren. Also beschlossen wir kurzerhand, dass ich mich direkt nach meiner Ankunft vom Bahnhof Sants aus in aller Früh (vor 8h!) auf den Weg zu ihr machen sollte.

Das Ankommen war bereits ein Abenteuer an sich. Mit aller mir eigener Vorsehung stellte ich den Wecker auf 20 Minuten vor Ankunft, um mich noch einmal in der Bordtoilette „frisch“ zu machen, aus meiner bequemen Schlafhose in etwas stadttauglicheres zu wechseln ... Und um einfach wach zu werden. Da stand ich nun also in der kleinen Kabine und bemerkte, dass der Zug, es war erst 7h35!, zum Stillstand gekommen war. Beim Verlassen fand ich das Zugabteil so gut wie leer vor und stürmte gelassen, jedoch mit unterschwelliger Panik, zu meinem Handgepäck und meinem etwas sperrigeren Rucksack, hievte beides heraus und stand nun mit den Füßen auf barcelonesischen Boden. Das war entgegen meinem idealistischen Erwarten eher umspektakulär, könnte aber auch an frühpubertärer Prägung durch Mama liegen, die da einmal so dahinsagte, als ich begeisterungstrunken auf den Champs Elysées stand „Das sieht auch nicht anders aus als Unter den Linden!“ =) Aber Recht hatte sie.

Mit beiden Füßen im wahren Leben trat ich also zielsicher in die Metro Barcelonas, beladen mit genug - zu viel? - Gepäck und der Erkenntnis, dass es schon morgens vor 8 zu warm war für ein Strickjäckchen über dem dünnen T-Shirt und der kurzen Hose. Schon heute kann ich sagen, dass dies der längste Sommer meines Lebens ist. Sechs Wochen Sonne und deutlich über 22ºC. Bis heute nur dreimal Regen, und das sogar nur ein paar Stunden.

So kam ich nun an der Metro Station Sagrada Familia an. Die Metrostation, die am nächsten an Laias Wohnung liegt, wäre Encants gewesen, aber da es von der Sagrada Familia nur 10 Minuten zu Fuß waren, wollte ich mir das Umsteigen ersparen. Erste Dummheit. Denn voller Lebensfreude schleppte ich mein Gepäck an Gaudis noch unvollendeter Kirche vorbei, das erste Sightseeing im frischen Morgenlicht, die Straßen noch leer, der sonst touristenfressende McDonald‘s noch geschlossen, verspeiste genüsslich mein Frühstück (ein leicht zerdrücktes Schokoladenmilchbrötchen), schrieb den Eltern beruhigende Worte über mein bisheriges Überleben und suchte dann planlos im Plan des National Geographic Reiseführers wohin genau ich meine Schritte lenken sollte. Die Linien auf der Karte sahen so gar nicht aus wie die Winkel, in denen sich die Straßen von der Sagrada Familia wegbewegten, darum befragte ich sehr touristisch einen Einheimischen. Er zeigte mir, dass meine Straße schon so gut wie vor mir lag.

Der Tag erhellte sich umso mehr! Alles war leicht und einfach! Denkste.

Denn bei der Wahl rechts oder links dachte ich „nach rechts hin sind die Hausnummern schon so hoch, da wird meine nicht weit sein“. Richtig. Aber nach links hin. Doch das merkte ich erst zehn schweißtreibende Minuten später. Man soll eben doch mehr besser schlafen ehe man Hausnummern schlaftrunken nur halb wahrnimmt. Die zehn Minuten zurück und dann die zusätzlichen Minuten bis zu Laias Wohnung erledigten mich fast ganz. Da freuten mich Laias Kaffee und die Einladung zu einem leckeren Frühstück - und ich wusste, das ist die WG. Trotz kleiner Katze, die erstaunlich aktiv herumsprang und deren Gattung ich sonst eher skeptisch gegenüber stehe - man muss schließlich mal über seinen Schatten springen. Wir machten aus, dass ich bei Laias Rückkehr am Montag Nachmittag einziehen würde.

Als ich die Wohnung verließ war es nicht mal halb zehn. So schnell kann es gehen. Mit diesem Erfolg gewappnet stieg ich erneut hinab in die Metro, um zu Joans Mutter, meiner Gastgeberin fürs Wochenende zu fahren. Sie holte mich an der Station in Santa Coloma sogar ab - und erkannte mich schon von weitem. Denn ein junges Mädel mit einem riesigen roten Rucksack auf dem Rücken, einem kleineren vor den Füßen und einem quadratmetergroßen Stadtplan, das konnte nur die Europabummlerin Tina sein.

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